Schöne Tessiner Flüsse gefahrlos geniessen

Schöne Tessiner Flüsse gefahrlos geniessen

Die Zahl der Todesfälle durch Ertrinken ist im Südkanton merklich zurückgegangen. Das Tessin ist ein Paradies für Fluss-Begeisterte. Wegen der Gefahr von tödlichen Badeunfällen werden Info-Kampagnen durchgeführt. Diese stecken im Dilemma zwischen mangelnder Aufklärung und Abschreckung.

Peter Jankovsky, Locarno

Seit je übt die südliche Alpenlandschaft des Tessins einen grossen Reiz auf die Deutschschweizer Touristen aus. In der warmen Jahreszeit erweist sich das Badevergnügen als grösste Attraktion: Die Seen sind tiefblau, und die grün schimmernden Flüsse laden fast überall zum Verweilen ein. Besonders im Sopraceneri finden sich die Begeisterten der Fliessgewässer zuhauf ein, meist an der Maggia bei Ponte Brolla und der Verzasca bei Lavertezzo. Dort haben die Flüsse das Gestein zu teilweise tiefen Wasserbecken, den sogenannten Pozzi, geformt – scheinbar wie geschaffen für badende Müssiggänger und Sporttaucher. Im Zuge der zunehmenden Begeisterung für Canyoning werden aber auch die Wildbäche immer beliebter.

Wirbel ziehen in die Tiefe

Jedoch gilt der Aufenthalt in etlichen Abschnitten der Tessiner Flüsse als riskant: Es gibt glitschige Steine sowie Strömungen und Wirbel, die viel stärker als in den Seen sind; ausserdem bleibt die Wassertemperatur tief. Laut Raffaele Demaldi, Chef der kantonalen Wasserpolizei, stellen die Strömungen die grösste Gefahr dar, weil sie für Ortsunkundige nur schwer zu erkennen sind. Oft werden Badende und Taucher überraschend von einer Strömung mitgerissen. Das Risiko des Ertrinkens ist hoch, weil die Wasserwirbel – gerade in den Pozzi – den Körper in die Tiefe ziehen. Auch kann der Flusspegel jäh ansteigen, weil oben im Tal ein Kraftwerk Wasser aus einem Stausee abgelassen oder ein Gewitter sich entladen hat.

Gemäss den kantonalen Behörden starben in den letzten 30 Jahren durchschnittlich 6 Menschen pro Jahr bei einem Unfall im Fluss. Immer wieder führte der Südkanton die schweizweite Statistik der Todesfälle durch Ertrinken an. Der Tessiner Staatsrat Norman Gobbi, Chef des Polizei- und Justizdepartements, erklärt dies mit Wissenslücken des zunehmend städtisch geprägten Menschen: Man kenne die Unberechenbarkeit der Natur kaum noch. Ab Mitte der siebziger Jahre, als die vielen schönen Badeplätze an den Flüssen zu Touristenmagneten wurden, stieg die Zahl der Ertrunkenen massiv an und erreichte gegen Ende der neunziger Jahre ihren Höhepunkt; seit da ist die Tendenz stark rückläufig. «In den letzten zehn Jahren sind die Todesfälle durch Ertrinken merklich zurückgegangen», sagt Claudio Franscella, Präsident der Kommission für sichere Tessiner Flüsse. Laut kantonaler Statistik bewegt sich die Zahl der in Flüssen ertrunkenen Personen seit 2002 zwischen einem und 6 Toten jährlich (im Schnitt also 2 bis 3 Opfer), während es in den zehn Jahren zuvor je 2 bis 10 Tote gab.

Die Kantonsregierung hatte 2001 die Kommission ins Leben gerufen, um gezielter Prävention betreiben zu können. Laut Franscella sollten sich Fluss-Begeisterte frühzeitig über Örtlichkeit und Wetterentwicklung informieren. Zudem sind an allen touristischen Orten Plakate oder Flugblätter zu finden, welche die Gefahren und das richtige Verhalten beim Baden beschreiben. Vor kurzem hat die Kommission eine neue Kampagne gestartet; gemäss Franscella soll die Kernbotschaft primär eine positive sein, weil das Tessin ein touristischer Kanton ist. Entsprechend verhalten lautet der Slogan des neuen Kampagnen-Plakats: «Viel Spass . . . aber Achtung!»

Das Plakat sei eindringlicher als das vorherige gestaltet, verdeutliche die potenzielle Todesgefahr aber immer noch viel zu wenig, monieren Kritiker – der Zwiespalt zwischen gewünschter Eindringlichkeit und Schonung der Touristen wird vollends deutlich. Man wolle den Tessin-Besuchern keine Angst machen, sondern sie aufklären, betont Staatsrat Gobbi. Gemäss seinen Worten musste die Kampagne in der Tat Widerstände überwinden, darunter die Ansicht, der Appell an die Selbstverantwortung hemme den Tourismus, wie einige regionale Tourismusbüros fürchteten. Laut Gobbi haben die Dachorganisation Ticino Turismo sowie das Tourismusbüro der Region Lago Maggiore in ihren Prospekten über die Gewässer die Fluss-Kampagne aber erwähnt und auch das Plakat abgedruckt. Beides wirke also nicht so abschreckend, folgert der Staatsrat. Zudem seien Meldungen über tödliche Badeunfälle dem Image des Ferienkantons Tessin abträglich. Daher liege die neue Kampagne auch im Interesse der Tessiner Tourismusbranche.

«Ich persönlich bin völlig gegen Präventionskampagnen in touristischen Prospekten», erklärt Michele Tognola, Direktor des Tourismusbüros Tenero und Verzasca-Tal. Niemand thematisiere in Prospekten die Stau- und Unfallgefahr am Gotthard, warum sollte man also punkto Flüsse etwas Abschreckendes tun. Tognola ist für Prävention vor Ort: mit Warntafeln am Fluss, die sehr deutlich sind – sowie mit Patrouillen. Seit einigen Jahren sind im Juli und August jeden Tag an den gefährlichen Stellen bei Lavertezzo Valle und Ponte Brolla Aufsichtspersonen unterwegs, welche die Badenden über die Gefahren aufklären. Laut Tognola ist dieser Service willkommen und trägt viel zur Senkung der Unfallzahl bei.

Kraftwerke warnen im Voraus

Spezielle Züge nimmt die Prävention im Zusammenhang mit den Wasserkraftwerken an. Diese dürfen jederzeit aus den hoch gelegenen Stauseen Wasser ablassen, das oft in für das Canyoning geeignete Wildbäche fliesst und Letztere in einen reissenden Strom verwandelt; die Fluss-Kommission hat 20 solcher Bäche ermittelt. Gesetzlich sind die Werkbetreiber nicht verpflichtet, eine Vorankündigung zu machen, bevor sie Wasser ablassen. Zugunsten besserer Prävention haben die Kraftwerke aber eine Hotline eingerichtet, welche über die tagsüber vorgesehenen Abflüsse aus den Staubecken und über Gewitter informiert. Die Canyonisten werden durch die an den Flussufern aufgestellten Warnschilder dazu angehalten, die Hotline zu benutzen. Im Übrigen hat der Kanton den Kraftwerken das Recht zugestanden, das Betreten eines Wildbachs ganztägig zu verbieten.

Prävention müsse vor allem auf Information beruhen, um die Selbstverantwortung des Einzelnen zu steigern, resümiert Kommissionspräsident Franscella. – Gefährlich schöne Flüsse zu geniessen, ist ein individuelles Vergnügen.

TRENDWENDE IM SÜDKANTON

pja. Locarno · Laut einer Studie der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft ertranken zwischen 2000 und 2010 in der Schweiz 497 Personen (im Schnitt 50 pro Jahr). In absoluten Zahlen betrachtet, ereignen sich die meisten Unfälle in der Deutschschweiz. Berücksichtigt man aber die Bevölkerungszahl sowie die Anzahl Schwimmstunden der Einwohner, erweisen sich als Spitzenreiter die italienischsprachige Schweiz und die Zentralschweiz. In den letzten 30 Jahren nahm das Tessin in der Statistik der Todesfälle wegen Ertrinkens oft den ersten Platz ein: Es kam zu 509 Unfällen im Wasser, davon gingen 338 tödlich aus (11 Tote pro Jahr). Betrachtet man die Tessiner Flüsse gesondert, ereigneten sich 261 Unfälle mit 164 Toten (6 Opfer jährlich). Seit 2006 festigt sich jedoch die Tendenz, dass der Kanton Bern die meisten Todesfälle aufweist (6 bis 8 pro Jahr). Das Tessin verzeichnet jährlich nur noch 2 oder 3 Ertrinkungsopfer.

Neue Zürcher Zeitung, 25.05.2012

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